Unterwegs mit der jungen Linthaler Band White Dog Suicide

Warum können wir nicht alle in Frieden leben? Warum bekämpfen wir uns? Gian und Jan schreien sich diese Fragen mit aller Kraft von der Seele. Und das Publikum gleich mit. Vielleicht ist Punk auch deshalb so ergreifend: weil man einfach mal alles rauslassen kann, Emotionen werden frei. «Sick of it», wir haben die Nase voll, so der Name des Songs.

Bandfoto White Dog Suicide

White Dog Suicide, das sind Gian Gubler, 17 Jahre, Jan Glarner, Mario Dürst und Remo Bissig, alle drei 18 Jahre alt, allesamt aus Linthal. Der Name ist eher zufällig entstanden. Als die Jungs einmal miterleben, wie ein weisser Hund selbstverschuldet beinahe unter ein Auto kommt, sagt einer: «White Dog Suicide!» Und der Bandname ist geboren.

Warum Punk? «Wir konnten sonst nichts», scherzt Gian. Als er und Jan vor zwei Jahren beschliessen, eine Punkband zu gründen, müssen sie Gitarre spielen erst noch lernen. Genauso auch Mario, der Bassist. «Angefangen hat alles in Gians Haus», erzählt Jan. Die Anfänge der Band finden mit spartanischer Ausrüstung und ohne Mikrofon in einem Zimmer statt. Doch Gians kleiner Bruder kann nicht schlafen bei der Lautstärke, und so siedeln sie um in einen Proberaum in Betschwanden.

Im Bandraum vo White Dog Suicide

Kein Alkohol, dafür Capri Sonne und Milch
Die Vorbilder der Linthaler Band sind in der Szene legendäre Bands wie NOFX, Green Day, Sex Pistols, Nirvana und auch die Glarner Punkband A Dogs Revenge. «Diese Musik ist einfach sick. Wir wollten auch so Sachen spielen», so Gian. Doch von den für Punkbands üblichen selbstzerstörerischen Alkohol- und Drogenexzessen halten die Linthaler nichts. «Wir sind straight edge», sagt Jan überzeugt. Will heissen: keinen Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen. «Straight edge» ist eine alternative Bewegung innerhalb der Punkszene, die in den 80er-Jahren entstand und für ein drogenfreies Leben plädiert. Im Bandraum von White Dog Suicide stehen also keine Bierflaschen und Aschenbecher, stattdessen Capri- Sonne, Milchpackungen, Chips und Pizza-Kartons.

Punk ist eine Rebellion gegen das Establishment, gegen die Gleichheit der Masse. In den Songtexten von Gian und Jan spiegelt sich diese Haltung wider. «Wir verarbeiten darin Dinge, die uns beschäftigen und wütend machen », so Jan. White Dog Suicide macht keine Feelgood-Songs. Sie singen gegen sinnlose Kriege, gegen übermässigen Konsum, gegen Geldgier. Und gegen Einordnung: «I don’t wanna fall in line», ich will mich nicht anpassen, «Break the chains», zerbrich die Ketten.

Never agreed with what they say
Break the chains, they locked you in
Free your minds and free your hands
Break the chains, they locked you in

Der Menge anpassen will sich keiner von den vier Linthalern. «Wir wollen einfach unser Ding leben.» Jan, zurzeit gerade blond, erzählt, die doofen Blicke der Leute amüsieren ihn, wenn er wieder mal mit pinken oder blauen Haaren herumläuft. Gian hat sich kürzlich seinen Irokesen- Haarschnitt wieder abrasiert. Remo, mit blauen Haaren, findet: «Jeder soll für sich selbst leben, scheissegal, was andere denken.»

Luftsprünge und Schlammschlachten
Jan Glarner und Res Glarner, White Dog Suicide.

Am Himmel braut sich ein Gewitter zusammen, das Gelände des Open Airs Lachen hat sich wegen des Regens in ein Schlammfeld verwandelt. Es ist Freitagabend. Gegen 20.45 Uhr treten White Dog Suicide auf die Bühne. «Hallo zusammen, wir sind White Dog Suicide aus dem schönen Glarnerland», ruft Jan ins Mikrofon. Sie fackeln nicht lange und legen los. Ab dem ersten Akkord spürt man eine unheimliche Energie, die freigesetzt wird. Die Beine breit, die Gitarren tief hängend, die Verstärker bis zum Anschlag aufgedreht, spielen sie ihre Show, als wäre es ihre letzte. Die Jungs greifen in die Saiten, so fest sie können, springen herum, sie leben den Moment. Jeder Muskel scheint angespannt, die Halsschlagader tritt hervor, wenn Jan und Gian in ihre Mikrofone schreien:

Fuck your wars
Fuck your hate
Fuck your money
Fuck you.

Schon nach den ersten paar Liedern laufen den vier Jungs die Schweissperlen herunter, Jan zieht sein T-Shirt aus und sagt zwischendrin: «Es wird ja richtig heiss hier!» Einmal, hat mir Gian zuvor erzählt, da sei er nur noch in Unterhosen auf der Bühne gestanden. Ein anderes Mal habe er sich die Finger aufgeschlitzt an den Saiten – und weitergespielt. Nein, Punk’s not dead, vier Jungs aus Linthal lassen ihn gerade wieder aufleben.

Auch wenn man sonst nicht gerade Punk hört, White Dog Suicide reissen einen mit. Ein paar wenige sind vom Glarnerland angereist. Ganz vorne mit dabei ist Jans Bruder Andreas, der ihn zu jeder Show begleitet. Er feiert, spielt Luftgitarre, singt die Texte mit, als wäre er selbst auf der Bühne. Den Zuschauern ist es egal, dass sie schon nach fünf Songs mit Schlamm vollgepflastert sind, denn sie sind hier, um White Dog Suicide zu feiern.

Gian Gubler, Remo Bissig, Jan Glarner, Mario Dürst

Publikum von White Dog Suicide

Zwischendurch muss das Konzert für eine halbe Stunde unterbrochen werden, das Gewitter am Himmel kommt zu nahe und wird gefährlich. Zeit für eine Verschnaufpause für die Band: ein Schluck Capri-Sonne, das nass geschwitzte Shirt auswechseln. Als das Gewitter vorbeigezogen ist, geben die Linthaler nochmals alles, ziehen ihre energiegeladene Show bis zum Schluss durch.

Wenn dieses Wochenende vorbei ist, gehen alle wieder ihren Ausbildungen nach. Gian lernt Informatiker, Jan Elektriker, Mario Zimmermann und Remo Autolackierer. Doch in sich drin tragen sie den Traum, von der Musik zu leben oder zumindest bald ein Album herauszubringen. Sie tragen den Punk in sich, denn sie spielen ihn nicht nur, sie leben ihn auch.

Glarner Woche, 6. Juli 2016

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3. April 2018

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