Was ein Mann heute sein kann

von Reto Jost

Raus in die Natur, mit 10 Litern Wasser, einer Plastikplane, Schnur und einem Leitsatz. Und ein neuer Mann wird geboren. Geboren? «Die Manngeburt ist ein Begriff, der viele stutzig macht», sagt Hannes Hochuli. Der selbstständige Männercoach hat das Konzept von Deutschland in die Schweiz, ins Glarnerland geholt. Die Manngeburt ist eine «moderne Männerinitiation». Ausgangslage ist, dass Männer heute oft an irgendeinem Punkt in ihrem Leben nicht mehr weiterwissen, wie Hochuli erklärt. «Es kommen Männer zu mir, die beruflich, familiär oder in der Beziehung stecken bleiben.» Sie seien in einer Krise, sehen sich gescheitert. Einige melden sich dann für eine Manngeburt an. Unter ihnen sind Architekten, Informatiker, Bauern, Sozialarbeiter, Bibliotheksdirektoren, alle irgendwo zwischen 25 und 65 Jahren alt. Und sie wollen in sechs Wochenenden und abschliessend zehn Intensivtagen herausfinden, wo ihr Platz als Mann ist. Was für ein Mann sie sind. «Es ist unglaublich, was in dieser Zeit passiert», sagt Hochuli, der 2018 die erste Schweizer Manngeburt mitgeleitet hat.

Hannes Hochuli hat die Manngeburt selbst erlebt. Bei dessen Begründer Stephan Wolff fand Hochuli Wegweiser, die er damals in seinem Leben suchte. Nachdem Hochuli 20 Jahre lang das Seminarhotel Lihn in Filzbach geleitet hatte, machte sich bei ihm ein suchendes Gefühl breit. Er hatte immer funktioniert und viel gearbeitet. Die Welt biete noch viel mehr als nur die Hotellerie, sei ihm bewusst geworden. Die Manngeburt habe ihm damals den Mut gegeben, loszulassen und sich neu zu finden. Nach langjähriger Ehe war er plötzlich als Single unterwegs. «Ich verstand die Welt nicht mehr. Und ich wollte wissen, wo mein Platz ist.» Erst war eine zweimonatige Auszeit geplant, mit einer Reise nach Afrika. Dann aber fragte ihn ein Unternehmensberater an einer Weiterbildung: «Bist du sicher, dass nach 20 Jahren zwei Monate genug sind?» Und so ging Hochulis Sabbatical los. 12 Länder, 3500 Kilometer zu Fuss. «Ich habe immer One-Way-Tickets gelöst.» Unterwegs seien plötzlich Konzepte «vom Himmel gefallen». Ideen für seine Selbstständigkeit als Coach für Wirtschaftsleute und für seine Männerkurse.

Der Mann verliert die Orientierung

Im öffentlichen Diskurs ist heute oft die Frau im Fokus. Die Frau, die Verliererin ist, die zu wenig verdient. Emanzipation und Feminismus sind die Themen der Stunde. Hannes Hochuli konzentriert sich aber auf die Männer. Warum braucht der Mann, das «starke» Geschlecht, heute Kurse und Unterstützung? «Durch die Rollenvermischung von Mann und Frau weiss der Mann nicht mehr, wo er seine Schwerpunkte setzen soll», erklärt Hochuli. Als Kompensation für die wachsende Orientierungslosigkeit gebe sich der Mann in Dinge hinein, in denen er noch «Mann» ist: in den Job oder in den Sport. «Als Folge davon landen viele in einem Burnout, die Beziehungen leiden.» Zu patriarchalischen Zeiten war das doch ähnlich, denkt man sich. «Der Unterschied heute ist das Tempo der Veränderungen», so Hochuli. Als Beispiel nennt er die rasende Digitalisierung, die stark zu dieser Überforderung des Mannes beitrage. Damit die Gleichstellung zwischen Mann und Frau funktionieren könne, muss auch der Mann an sich arbeiten, findet Hochuli.

In der Theorie der Manngeburt gibt es vier Archetypen, die in jedem Mann wohnen: der Krieger, der Liebhaber, der Magier und der König. Jeder Archetyp hat seine guten und seine Schattenseiten. Ein Krieger kann so zum Beispiel gut für Recht einstehen, andererseits auch Unheil anrichten, wenn er seinem Schatten folgt. Der Liebhaber ist zärtlich und kann eine tiefe Beziehung eingehen. Mögliche Schattenseiten sind Süchte oder fehlende Bindungsfähigkeit. Der Magier hat ein Gespür für das Übernatürliche, glaubt an etwas Grösseres. Der König wiederum hat den Überblick, schaut dass es allen gut geht. «Oftmals sind diese Archetypen bei Männern nicht in Balance», sagt Hannes Hochuli. Einer, der seinen Krieger nicht in Balance lebt, kann für seine Mitmenschen schwierig zu ertragen sein. Während der Manngeburt durchlebt man alle vier Typen. «Dabei merkt er auch, welche in ihm gut ausgebildet sind, und welche nicht.» Das Ziel ist es, am Schluss alle vier Archetypen möglichst in Balance zu bringen. «Damit ist nicht alles einfach gut, aber man hat seine Innenwelt geordnet und kennt wichtige Tools, um als Mann im modernen Leben zu bestehen.»

Wie sehen das die Männer?

Folgt man Hannes Hochulis Ausführungen, hat der Mann im 21. Jahrhundert also mit vielen neuen Herausforderungen zu kämpfen. Doch: Wie sehen das die Glarner Männer?

von links: Cédric Landolt, Köbi Schnyder, Jacques Marti. Bilder Reto Jost und zVg

«Ich fühle mich dann männlich, wenn ich mit der Motorsäge auf dem Buckel zur Alp hochgehe», sagt Köbi Schnyder. Den Sommer verbringt er auf Aueren, der Alp beim Wiggis. Den Winter durch arbeitet er als Schlosser. Letzteres sei «ein typischer Männerberuf», wie er feststellt. Aber er habe kein Problem damit, wenn auch mal eine Frau eine Schlosserlehre machen würde. «Für mich zählt die Leistung, egal ob sie von einer Frau oder einem Mann kommt.» Ausserdem beobachtet Schnyder: «Wenn eine Frau in einen klassischen Männerjob einsteigt, wird es heute als Erfolg beachtet. Das ist auch gut so. Aber tut ein Mann dasselbe, hat er oft mit vielen Vorurteilen zu kämpfen.»

Auf dem Bauernbetrieb brauche es Frauen genauso wie Männer. «Die Frauen haben oft eine enge Beziehung zu den Tieren.» Aber auch Schnyder hat eine Beziehung zu seinen Tieren. Das ist auf einer Alp sehr wichtig. Dort hat man viel mit sich selbst zu tun. «Ich muss dort viel denken, viel praktische Überlegungen, aber natürlich denke ich auch über das Leben nach.» Ein Verbissener, der einfach funktioniert, das sei er nicht. Schnyder macht seine Arbeit leidenschaftlich gerne. Auf der Alp, da muss man auch mal auf die Zähne beissen können. Eine Eigenschaft, die Schnyder dem Mann zuordnet. «Ich denke, ich bin einer, der eher altmodisch ist.» Zum Beispiel, wenn es um Digitalisierung geht. Ein Handy habe er zwar, aber mit Sozialen Medien könne er nichts anfangen. Er stützt auch die Beobachtung von Hannes Hochuli: Die Technik entwickelt sich rasant schnell, sodass der Mensch nicht richtig mitkommt.
Wenn es um Familie geht, sagt Schnyder: «Wenn meine zukünftige Frau einen besseren Job hätte, dann wäre ich mir nicht zu schade, um daheim für die Kinder zu schauen.» Wichtig sei eben, dass es für beide in der Beziehung stimmt.

«Heute ist es schwieriger geworden, im Leben zu erfüllen. Für Männer und für Frauen», sagt Jacques Marti, SP-Präsident, Rechtsanwalt, Geschäftsführer, Major, Vater. Ein Mann müsse heute erfolgreich sein, gut aussehen, gut verdienen, witzig sein, ein guter Vater sein. Sein Rezept um als SP-Präsident im Glarnerland zu bestehen: «Man braucht einen dicken Panzer und einen langen Atem.» Marti findet es insbesondere in der Politik wichtig, dass man Frauen fördert. Dort, wo Männer eine starke Mehrheit haben. Gemäss Auswertungen des «Tagesanzeiger» wurden in den letzten Jahren immer mehr Männer in Kantonsregierungen gewählt. Auch im Kanton Glarus ist Marianne Lienhard die einzige Frau. «In den öffentlichen Unternehmen wie GLKB oder Glarnersach sind die Verwaltungsräte ein Old Man’s Clan.» Hier werde wahrscheinlich die Frauenquote ein Zwangsmittel sein, um die Männermehrheit zu reduzieren. Und es brauche moderne Männer, welche Frauen in solchen Positionen akzeptieren und ihren Vorteil sehen.

Jacques Marti sagt: «Mich kann man als Mann nicht schubladisieren.» Er unterscheide sich vor allem privat und geschäftlich. «Meine 700 Soldaten hören besser auf mich als meine drei Kinder», sagt er mit einem Lächeln. Die Familie Marti scheint klassisch in der Aufteilung: Jacques arbeitet, seine Frau nicht. Das habe aber praktische Gründe: «Wenn meine Frau die gleichen wirtschaftlichen Möglichkeiten hätte wie ich, würde ich sehr gern ein Jobsharing machen.» Zudem habe seine Frau Zuhause alles im Griff, zum Beispiel mit den vielen Terminen im Fussballclub. «Das ist auch eine Arbeit, die man nicht unterschätzen darf.»

Einer, der sich auch nicht als typischen Mann bezeichnet, ist Cédric Landolt. «Im Militär war ich immer der einzige, der kein Bier getrunken hat.» Das habe aber einen simplen Grund: er mag es nicht. Dadurch fühlt er sich zwar nicht weniger männlich, aber im Militär könne einem schon mal ein solches Gefühl gegeben werden. Überhaupt hat Landolt beobachtet, dass viele Männer sich in der Gruppe «männlicher» verhalten als alleine. Es fallen Sprüche, man versucht, sich gegenseitig ein bisschen zu überbieten.

Eine gute Beziehung ist für Cédric Landolt eine, die ausgeglichen ist. «Man sollte miteinander reden und schauen, dass es für beide stimmt.» Das sieht er auch so, wenn er an seine Zukunft denkt. «Ich könnte mir gut vorstellen, dass meine künftige Frau einmal mehr arbeitet als ich.» Ob er sich dadurch weniger männlich fühlen würde? «Vielleicht ein bisschen», sagt Landolt lächelnd. Er findet es wichtig, dass nicht eines der beiden Geschlechter vorausgeht, sondern beide gleichauf sind. «Ich sage immer: ich fände es cool, wenn die Frau mir einen Heiratsantrag machen würde», scherzt der 23-Jährige. Für ihn steht klar: das patriarchalische Männerbild muss überholt werden.

Vielleicht doch raus in die Natur?

Wo sich alle diese Männer einig scheinen, ist der Fakt, dass der Mann heute, wie die Frau, mehr Herausforderungen zu meistern hat. Und alle haben ihr Rezept gefunden, wie sie diese meistern. Köbi Schnyder denkt scharf nach und beisst auch mal auf die Zähne. Jacques Marti hat seinen dicken Panzer und seine Ausdauer. Cédric Landolt reflektiert sich und steht zu sich.

Wer keinen Weg sieht, der hat immer noch folgende Möglichkeit: Man nehme eine Plastikplane, Schnur, 10 Liter Wasser und begebe sich mit anderen Männern in den Wald auf Visionssuche. Manch einer wird dort seinen König, Krieger, Magier oder seinen Liebhaber entdecken.

Glarner Woche, 31. Oktober 2018

 

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9. November 2018

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